Der Spotmarkt ist ein zentraler Teil des europäischen Stromhandels. Hier werden kurzfristige Lieferungen von Strom gehandelt – entweder für den Folgetag oder noch am selben Tag. Die Preisbildung erfolgt in einem Auktionsverfahren, das sich an Angebot und Nachfrage orientiert. Unternehmen mit flexiblem Energiebedarf können den Spotmarkt nutzen, um günstig Energie einzukaufen und von Preisschwankungen zu profitieren.
In Deutschland und weiten Teilen Europas wird der Spotmarkt für Strom an der EPEX Spot (European Power Exchange) betrieben. Sie ist die wichtigste Plattform für kurzfristigen Stromhandel in Zentraleuropa und bindet mehrere nationale Märkte an. Die Börse veröffentlicht die Preise transparent und trägt so zu einer hohen Netztransparenz bei. Über das Transparenzportal lassen sich vergangene und aktuelle Preisdaten, gehandelte Mengen und Marktergebnisse abrufen. Angegeben werden die Preise in Euro pro Megawattstunde; umgerechnet lässt sich daraus der Preis pro Kilowattstunde ableiten, wie er häufig in den Medien genannt wird.
Segmente am Spotmark: Day-Ahead- und Intraday-Handel
Der Spotmarkt gliedert sich in zwei Segmente: den Day-Ahead-Markt und den Intraday-Markt. Beide ermöglichen den kurzfristigen Handel, unterscheiden sich jedoch im Zeitpunkt der Preisfestlegung.
Day-Ahead-Markt
Im Day-Ahead-Markt wird Strom für jede Stunde des Folgetages gehandelt. Marktteilnehmer geben bis zum frühen Nachmittag ihre Gebote ab. Aus allen Kauf- und Verkaufsgeboten wird für jede Stunde ein einheitlicher Day-Ahead-Preis ermittelt. Dieser dient vielen Akteuren als Referenzwert für den Strommarkt und gibt einen Überblick über die erwartete Preissituation am nächsten Tag. Der Day-Ahead-Handel legt damit den grundlegenden Fahrplan für die Stromlieferung fest.
Intraday-Markt
Der Intraday-Markt Strom ermöglicht den Handel bis kurz vor der physischen Lieferung. Er dient dazu, Abweichungen zwischen geplanter und tatsächlicher Erzeugung oder Verbrauch auszugleichen, zum Beispiel bei wetterabhängiger Einspeisung. Preise reagieren hier stärker auf kurzfristige Veränderungen und können innerhalb weniger Stunden deutlich schwanken.
Es gibt zwei Handelsformen:
- Kontinuierlicher Intraday-Handel Strom: Gebote können nahezu in Echtzeit abgegeben, angepasst und sofort ausgeführt werden.
- Intraday-Auktionen: Fest definierte Handelsfenster, meist mehrere Male täglich. Sie bündeln Gebote für bestimmte Lieferzeiträume und ermöglichen eine gezielte Preisfindung zu klar festgelegten Zeitpunkten.
Unterschiede in der Praxis
Der Day-Ahead-Markt dient der Grundplanung, der Intraday-Markt der kurzfristigen Feinsteuerung. In Kombination ermöglichen beide Segmente eine flexible Anpassung an Preissignale und tragen zur Stabilität des Stromsystems bei. Das ist besonders relevant, wenn ein hoher Anteil erneuerbarer Energien ins Netz eingespeist wird.
Preisbildung und Einflussfaktoren
Die Preisfindung am Spotmarkt folgt dem Merit-Order-Prinzip. Kraftwerke werden nach ihren Grenzkosten gereiht und in dieser Reihenfolge eingesetzt, bis die Nachfrage gedeckt ist. Das letzte noch benötigte Kraftwerk bestimmt den Preis. Erneuerbare Energien mit niedrigen Grenzkosten stehen am Anfang dieser Reihenfolge, konventionelle Kraftwerke meist weiter hinten.
Auf die Höhe des Strompreises am Spotmarkt wirken unter anderem:
- Wetterbedingungen wie Windaufkommen und Sonneneinstrahlung
- Verfügbarkeit von Kraftwerken
- Brennstoffpreise und Kosten für CO₂-Zertifikate
- Netzengpässe und Auslastung
Je nach Kombination dieser Faktoren kann der Preis stark schwanken – von negativen Werten bei hoher Einspeisung und geringer Nachfrage bis zu Spitzenwerten bei knapper Versorgung.
Kosten einer Kilowattstunde am Spotmarkt
Die Frage „Was kostet 1 kWh Strom am Spotmarkt?“ lässt sich nicht pauschal beantworten, da sich der Preis stündlich ändert. Im Jahr 2024 lag der durchschnittliche EPEX Spot Preis in Deutschland bei rund 7 bis 12 Cent pro Kilowattstunde, zeitweise jedoch deutlich darüber oder darunter. Unternehmen, die flexibel reagieren können, können Phasen niedriger Preise gezielt ausnutzen.
Beim Stromeinkauf am Spotmarkt ist zu beachten, dass der reine Börsenpreis nur einen Teil der tatsächlichen Kosten darstellt. Netzgebühren, Abgaben und Umlagen kommen hinzu, sofern der Strom nicht direkt am Ort der Erzeugung genutzt wird.
Bedeutung für Unternehmen mit flexiblem Stromverbrauch
Für Unternehmen, die Lasten zeitlich verschieben oder Stromspeicher einsetzen können, eröffnet der Spotmarkt zusätzliche Handlungsspielräume. Power-to-Heat-Anlagen mit integrierten thermischen Energiespeichern sind ein Beispiel: Sie nutzen günstigen Strom aus dem Spotmarkt, wandeln ihn in Wärme um und stellen diese später nach Bedarf bereit. Auf diese Weise lassen sich Energiekosten reduzieren und Emissionen verringern.
Ein flexibler Umgang mit Verbrauchszeiten kann zudem helfen, Phasen hoher Preise zu vermeiden und bei niedrigen Preisen gezielt Energie zu nutzen. Diese Strategie senkt nicht nur Kosten, sondern entlastet auch das Stromnetz in kritischen Situationen.
Spotmarkt und EEG
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) legt auch die Rahmenbedingungen für den Verkauf von Strom aus erneuerbaren Quellen fest. Seit der verpflichtenden Direktvermarktung größerer Anlagen wird ein erheblicher Teil dieser Mengen am Spotmarkt gehandelt. Die Vergütung richtet sich nach dem jeweils aktuellen Marktpreis und wird durch eine Marktprämie ergänzt, die den Abstand zum gesetzlich garantierten Vergütungssatz ausgleicht.
Die Einbindung dieser Strommengen in den Spotmarkt erhöht die Transparenz und bindet erneuerbare Energien unmittelbar in die Preisbildung ein, was ihre Bedeutung für das gesamte Stromsystem weiter verstärkt.
Bedeutung des Spotmarkts in Kürze
Der Spotmarkt ist das Herzstück des kurzfristigen Stromhandels in Europa. Mit den beiden Segmenten Day-Ahead- und Intraday-Markt bietet er flexible Möglichkeiten für Handel, Erzeugung und Verbrauch. Die Preisbildung ist transparent und spiegelt die aktuelle Marktsituation wider. Für Akteure, die schnell auf Preissignale reagieren können, ist der Spotmarkt ein wichtiges Instrument zur Optimierung des Energieeinsatzes.