Tagesspiegel: Christian Thiel – CEO des Wärmespeicherherstellers EnergyNest

Tagesspiegel: Christian Thiel – CEO des Wärmespeicherherstellers EnergyNest

Christian Thiel

CEO des Wärmespeicherherstellers EnergyNest

By Bent-Erik Scholz

Er begann bei BMW, wurde später McKinsey-Berater und Investment-Banker. Der Anstoß, sich beruflich mit der Energiewende zu beschäftigen, kam für Christian Thiel mit dem Atomausstieg. Heute leitet er ein norwegisches Energiespeicher-Start-up und ernährt sich vegan. 

Als Christian Thiel ans Telefon ging, hätte er eigentlich in Berlin sein sollen. Das norwegische Start-up EnergyNest, das er leitet, ist unter den 15 Finalisten der 570 Bewerber um den SET-Award 2020. Das ist ein internationaler Wettbewerb für Start-ups mit Ideen für die Energiewende, ausgerichtet von der Deutschen Energieagentur. Doch wie so viele Veranstaltungen findet auch die am Montag begonnene SET Week, im Rahmen derer der mit 10.000 Euro dotierte Preis verliehen wird, aufgrund der Coronakrise digital statt.

 

Unter normalen Umständen würde Thiel auch regelmäßig zu Kunden reisen. EnergyNest stellt thermische Batterien her. Diese können überschüssige Wärme speichern und machen deren Energie zeitverzögert nutzbar. Dadurch kann CO2-Ausstoß verhindert werden. Vergleichbare Angebote gibt es auch von anderen Unternehmen. Das Berliner Start-up Lumenion etwa stellt ebenfalls thermische Energiespeicher her und setzt gerade ein Pilotprojekt in Berlin um, bei dem Wärme in Stahl gespeichert wird. Dass auch andere junge Unternehmen in seinem Metier aktiv sind, findet Thiel gut. „Das heißt, dass eseinen Markt gibt. Allerdings sind wir derzeit die Einzigen, die diese Speicher bereits kommerziell vertreiben und auch bauen“, sagt der EnergyNest-Chef.

Bei BMW war er Teil einer Maschinerie, heute hat er eine Mission 

Mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie kamen bei EnergyNest Umstrukturierungen. Doch damit geht der Norddeutsche souverän um. „Wir haben gute Erfahrungen im Lockdown im Frühjahr gesammelt“, sagt der 43-Jährige. „Mit ein bisschen Kreativität kriegt man erstaunliche Sachen verrichtet.“  Nach kurzem Stillstand der Produktion habe das Unternehmen vor Kurzem seine ersten beiden Module für einen italienischen Kunden in den Niederlanden fertiggestellt – unter Einhaltung der Hygieneregeln.

Nach sechs Jahren auf dem CEO-Posten des norwegischen Start-ups in Billingstad bei Oslo erlebte Thiel Corona-bedingt erstmals eineWerksbesichtigung via Videochat. Auf diesem Wege sollen Informationen über eine Anlage gesammelt werden, bei der ein EnergyNest-Speicher eingebaut werden soll. Unter Normalbedingungen würde die Planung für den Einbau eines Speichers vor Ort besprochen. Thiel kümmert sich darum, das Start-up wachsen zu lassen, Projekte abzuwickeln und neue Kunden zu finden. „Es fühlt sich nicht mehr wie Arbeit an, sondern eher wie eine Mission – umgeben von Leuten, die an einem Strang ziehen“, sagt er. „Keine Spielchen, ein gemeinsames Ziel vor Augen“, sagt Thiel.

Vor seinem Einstieg bei EnergyNest arbeitete Thiel unter anderem bei BMW. „Anfang der 2000er war das eine aufregende Zeit“, resümiert er über den Automobilsektor. Er absolvierte ein duales Studium zum Industriekaufmann und arbeitete danach weiter bei BMW. Jedoch fehlte es ihm dort an kreativen Entfaltungsmöglichkeiten: „Das Positive, wenn man bei einem Konzern wie BMW arbeitet, ist, dass man ein kleiner Teil einer komplexen Maschinerie ist. Das Negative ist, dass man ein kleiner Teil einer komplexen Maschinerie ist.“

Das Umdenken begann mit dem Atomausstieg

Angestoßen vom deutschen Atomausstiegentwickelte er Interesse an der Energiewende und ihren technischen Aspekten. Nach weiteren Stationen, unter anderem bei McKinsey und der UBS Investment Bankbewarb er sich 2014 bei EnergyNest. Dort stehen ihm als CEO nun die Entfaltungsmöglichkeiten zur Verfügung, die er für seine Arbeit braucht. „Ich bin quasi zu immer kleineren Firmen gegangen, bei denen ich aber immer höhere Freiheitsgrade hatte, mich zu engagieren“, sagt Thiel.

Auch privat ergreift Christian Thiel einige Maßnahmen. Mit seiner beruflichen Tätigkeit entwickelte sich sein ökologisches Bewusstsein. Auf CO2-intensive Lebensmittel der Fleisch- und Milchindustrie versucht er zu verzichten. Thiel lebt mit seiner Familie mittlerweile vegan. Statt zweier Fahrzeuge hat seine Familie nur noch ein Stadtauto. Ihre Urlaubsziele liegen nun häufiger auf dem eigenen Kontinent. Sogar auf Importweine verzichtet Thiel inzwischen. „Deutsche Weine schmecken ja auch ganz gut“, sagt er. Bent-Erik Scholz

 

Wer rettet das Klima? Die Politik oder der Einzelne?
Beide, wobei der Einzelne der Vorreiter ist. Durch aktive Maßnahmen und konkrete Forderungen von einzelnen Menschen sowie Unternehmen kann die Politik auf Probleme und dazugehörige Lösungen aufmerksam gemacht werden. Die Politik wiederum verfügt über die Mittel, den Rechtsrahmen zu schaffen, in dem zielführende Maßnahmen als neue Standards auf breiter Fläche implementiert werden.

Auf welchen Flug würden Sie nie verzichten?
Privat fällt es mir nicht schwer, auf Flüge zu verzichten. In den Urlaub kann man auch mit dem Zug oder dem Auto fahren. Was den Beruf angeht, so möchte ich nicht auf die Flüge verzichten, die die Technologie voranbringen und somit eine neue Lösung für das CO2-Problem bieten können. Dazu gehören zum Beispiel meine Flüge nach Oslo in die EnergyNest-Zentrale oder zu Kunden. Mit den Einsparungen unserer thermischen Batterie können wir diese Flüge weit überkompensieren. Die Coronakrise hat uns aber auch gezeigt, dass wir auf viele Flüge verzichten können. Wir haben vermehrt auf virtuelle Möglichkeiten zurückgegriffen, wo das vorher undenkbar war. Ich hoffe, dadurch auch zukünftig den ein oder anderen Flug ersetzen zu können.

Wer in der Energie- und Klimawelt hat Sie beeindruckt?
Wenn ich mich zurückerinnere, hat mich Dr. Mojib Latif, der schon sehr früh Klimazusammenhänge anschaulich erläuterte, für das Thema gewonnen. Aus CEO-Sicht beeindruckt mich aber auch Elon Musk. Von seiner Vision, die er mit Progressivität und einer gewissen Aggressivität durchsetzt, kann man sich als CEO eine Scheibe abschneiden.

Welche Idee gibt der Energiewende neuen Schwung?
Ganz ehrlich, ich glaube unsere. Mit thermischen Speichern bringen wir die Energiewende in den Bereichen voran, in denen es bislang die geringsten Fortschritte gab. Wir verstehen unter Energiewende bis dato, Solaranlagen auf Dächer zu bauen und überall Windanlagen hinzustellen. Damit haben wir zwar 50 Prozent grünen Strom bis heute erreicht, aber in Konsequenz zahlen wir in Deutschland weltweit mit die höchsten Strompreise und in den anderen Sektoren sind wir kaum vorangekommen. In der Speicherung von Wärme liegt enormes Potential, den CO2-Ausstoß mit einfachen Mitteln massiv zu reduzieren. Und weniger Energie benötigen wir dadurch ebenfalls.