Interview mit ENERGYNEST CEO Dr. Christian Thiel

ENERGYNEST CEO Dr. Christian Thiel

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Lieber Herr Dr. Thiel, die Dekarbonisierung der Industrie ist ein wichtiger Faktor für das EU-Ziel der Klimaneutralität bis 2050. Dabei herrscht in der Forschung weitestgehend Einigkeit darüber, dass mit Blick auf dieses Ziel um eine Dekarbonisierung der industriellen Wärmeversorgung kein Weg herumführt. Welchen Beitrag kann die ThermalBattery™ von ENERGYNEST in diesem Kontext leisten?

CT: Weltweit ist die Industrie für einen sehr hohen Anteil der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Allerdings wurden Versuche, die Industrie mithilfe von Lösungen zu dekarbonisieren, die das gesamte Problem adressieren, bisher vernachlässigt. Betrachtet man andere Sektoren, wie zum Beispiel den Mobilitätsbereich, sehen wir hier schon ein viel größeres Engagement und einen höheren Ressourcenaufwand. Die gleiche Konsequenz und Stringenz brauchen wir auch für die Dekarbonisierung unserer Industrie – dann ließe sich aus meiner Sicht unheimlich viel erreichen.

 

ENERGYNEST steht für genau diesen Ansatz: Uns geht es darum, industrielle Unternehmen dabei zu unterstützen, ihre Emissionen zu reduzieren und Net Zero zu erreichen. Das schaffen wir, indem wir Prozesse, die derzeit auf Erdgas und andere fossile Brennstoffe angewiesen sind, mittels modernster Speichertechnologie durch grüne Energie betreiben. Dabei kann es sich um Windenergie, aber auch um Solarenergie – also Solarthermie oder Photovoltaik ­– handeln. Wir erhöhen außerdem mit unserer thermischen Speicherlösung die Effizienzgrade durch Wärmerückgewinnungssysteme. Der Speicher spielt in diesem Kontext eine entscheidende Rolle, weil er es ermöglicht, dass erneuerbare Energien jetzt unabhängig vom Zeitpunkt ihrer Gewinnung 24/7 genutzt werden können.

 

Unsere Lösung soll dieses Prinzip selbstverständlich auch wirtschaftlich für unsere Kunden darstellen. Sie bietet in vielen industriellen Bereichen, insbesondere im Temperaturbereich zwischen 150 und 400 Grad, signifikante Vorteile gegenüber derzeit noch sehr kostenintensiven Wasserstofflösungen. Die grüne Speicherung von Prozesswärme ist schließlich für alle Branchen hochinteressant.

Apropos Elektrifizierung: Wissenschaftler des Potsdam Institute for Climate Impact Research (PIK) geben an, dass 78 Prozent des Energiebedarfs mit bereits etablierten Technologien elektrifizierbar sind. 99 Prozent der Elektrifizierung könnten durch die Hinzunahme von Technologien, die sich derzeit in der Entwicklung befinden, erreicht werden. Die Elektrifizierung von industrieller Wärme ist ein wichtiges Thema, bei dem insbesondere Skandinavien sehr weit ist. Was können andere Länder von den Skandinaviern lernen?

CT: Vor allem die Aufgeschlossenheit der skandinavischen Länder gegenüber neuen Technologien ist vorbildlich. Hier in Deutschland ist das oftmals noch nicht der Fall. Dabei herrscht bei uns zunächst häufig eine Grundskepsis und ein hoher Perfektionsanspruch. Skandinavien ist in diesem Kontext deutlich agiler und schaut sehr genau hin, wenn es darum geht, wie neue Technologien Wert stiften können. Nicht durch Zufall ist unser erstes und sehr erfolgreiches Projekt in Norwegen südlich von Oslo angesiedelt. In Skandinavien werden Strukturen geschaffen, damit neue Technologien – die nicht immer gleich von Anfang an wirtschaftlich sind – zügig das nötige Funding bekommen.

Verschiedene Anbieter von Energiespeicherlösungen drängen aktuell auf den Markt. Wo liegt in Ihren Augen das Alleinstellungsmerkmal von ENERGYNEST?

CT: Es gibt einiges, was unseren Lösungsansatz besonders macht. Was man allerdings stets bedenken muss, ist die Tatsache, dass es sich bei Wettbewerbsvorteilen immer um eine Momentaufnahme handelt. Die Situation kann sich zum Guten wie auch zum Negativen schnell verändern. Deshalb ist es wichtig, dass wir immer zukunftsorientiert denken und ambitioniert bleiben, die ersten und die besten im Bereich grüner Wärmespeichertechnologien sein zu wollen. Was uns besonders auszeichnet, ist unsere Technologie, die durch große Einfachheit und damit niedrige Kosten gekennzeichnet ist – trotz einer umfangreichen Supply Chain in Hintergrund.

 

Wir haben in diesem Jahr drei Großprojekte, die bereits in Betrieb sind oder sich im Bau befinden. Unser Yara-Projekt in Norwegen ist im Januar an den Start gegangen und hat mittlerweile fast 4.000 Speicherzyklen hinter sich – das ist enorm viel. Vor kurzem wurde unser Projekt mit dem Materialspezialisten Avery Dennison in Belgien in Betrieb genommen. Ein drittes Projekt steht Anfang des kommenden Jahres gemeinsam mit dem italienischen Energiekonzern Eni in den Startlöchern. Momentan gibt es keinen anderen Anbieter thermischer Speicherlösungen, der mit drei kommerziellen Großprojekten am Markt aktiv ist. Wir entwickeln derzeit eine enorm große Projektpipeline und freuen uns, dass wir am Markt so stark wahrgenommen werden.

 

Zudem sind wir sehr gut durchfinanziert, sodass wir in der Lage sind, vollfinanzierte, schlüsselfertige Projekte an unsere Kunden zu übergeben. Dadurch können wir unseren Kunden attraktive Finanzierungslösungen anbieten. Bei ENERGYNEST haben wir früh in unsere eigene Skalierung investiert und können unseren Kunden gegenüber mit einer wachsenden Mannschaft als einziger Vertragspartner auftreten – ein großer Vorteil gegenüber dem Wettbewerb.

Viele Unternehmen geben an, dass die Vorteile von Hochtemperaturspeichern zwar bekannt sind, aus betriebswirtschaftlicher Sicht allerdings Hemmnisse bestehen, ob eine Umstellung der Energiebereitstellung wirklich sinnvoll ist. Was entgegnen Sie hier aus ökonomischer Sicht?

CT: In diesem Kontext sind einige Überlegungen sinnvoll und wichtig. Zum einen geht es um die Beschaffungskosten des grünen Stroms und die potenziellen Einsparmöglichkeiten, wenn kein Erdgas bzw. andere fossile Energiequellen mehr gebraucht werden. Besonders lukrativ ist unsere Lösung für Unternehmen, die einen vergleichsweise kostengünstigen Zugang zu grünem Strom haben – etwa durch eine eigene Photovoltaikanlage.

 

Konkret rechnet sich die Integration unsere ThermalBattery™ für Kunden in Deutschland derzeit ab einem Gaspreis von 40 Euro pro MWh plus entsprechender CO2-Abgaben von etwa 20 bis 30 Euro pro MWh. Hinzukommt der Effizienzvorteil von circa 20 Prozent gegenüber der Verbrennung von beispielsweise Erdgas durch die Elektrifizierung der Prozesse, die durch unsere Energiespeicherlösung ermöglicht wird.

 

Allerdings sehen wir leider insbesondere in Deutschland immer noch eine ökonomische Schieflage, wenn man bedenkt, dass grüner Strom immer noch viermal so hoch besteuert wird wie Erdgas, und der CO2-Abgabepreis noch nicht ganz so hoch ist, wie er es eigentlich sein müsste.

 

Was wir sehr begrüßen, ist die wachsende Zahl von Förderinstrumenten. Auch hier arbeiten wir mit unseren Kunden sehr eng zusammen, damit sie bereits in der Anfangsphase mit unserer Lösung bereits ökonomisch wirtschaften können. Wir brauchen allerdings aus meiner Sicht noch sehr viel cleverere Arten von Förderungen – auch in diesem Punkt sind uns andere Länder wie etwa Skandinavien und die Niederlande einige Schritt voraus.

Für welche Art von Unternehmen eignet sich die Batterielösung? In welchen Branchen sehen Sie das größte Potenzial für den Einsatz von thermischen Energiespeichern?

CT: Per se ist die ThermalBattery™ ab einer gewissen Anlagegröße für alle Branchen geeignet. Wir arbeiten häufig mit Kunden aus der Chemieindustrie, aber auch aus der Lebensmittelwirtschaft, der Agrarindustrie und vielen weiteren Bereichen zusammen. Wichtig ist, in welchem Temperaturbereich jeweils produziert wird. Gemeinsam mit den Kunden erarbeiteten wir dann ein Konzept, wie wir unterstützen können, Energiemengen zu überbrücken, um Prozesse zu dekarbonisieren. Je größer der Energiebedarf ist, desto schneller geht es in die Skalierung und unsere Speicher können Wert stiften.

 

Unserer Einschätzung nach lohnt sich ein thermischer Speicher bereits für Unternehmen mit einem jährlichen Erdgasverbrauch ab ungefähr 10 GWh – nach oben ist das natürlich offen. Das entspricht bereits dem Verbrauch eines typischen Mittelstandsunternehmen, beispielsweise einem kleinen Nahrungsmittelproduzenten mit rund 100 Mitarbeitenden und einem ungefähren Jahresumsatz von 50 bis 100 Millionen Euro. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache, dass der Gesetzgeber schon ab einem Jahresverbrauch von mehr als 5 GWh ein Energiesparkonzept von den Unternehmen fordert.

Wie geht es weiter, wenn ein Kunde sich für Ihre Lösung interessiert?

CT: Äußert ein Kunde Interesse an unserer Lösung, setzt ein klassischer Sales-Prozess an. Im Anschluss an eine Anfrage führen wir zügig einen sogenannten „Technical-Economic-Fit“ durch. Dabei schauen wir zum einen auf die technischen Parameter und darauf, ob diese zu den Bedürfnissen und Gegebenheiten des Kunden passen. Weiterhin ermitteln wir, ob wir mit unserer Lösung ökonomischen Wert für den Kunden stiften können. In diesem Bereich arbeiten Vertrieb und Engineering sehr eng zusammen. Ich sehe das als große Stärke, damit der Kunde schnell weiß, woran er ist.

 

Wenn wir Potenzial und Wertschöpfungsmöglichkeiten identifiziert haben, geht es tiefer hinein ins Engineering. Das Projekt durchläuft dann unseren sogenannten Projektfunnel, der in verschiedene Stadien und Prozesse unterteilt ist. Mittlerweile haben wir auch verschiedene internationale Teams – unsere Kernmärkte sind Deutschland, die Niederlande und Spanien –, durch die zum Beispiel sprachliche Barrieren vermieden werden.

Wird eine entsprechende Umstellung der industriellen Wärmebereitstellung aus Ihrer Sicht genug gefördert oder gibt es etwas, dass Sie sich von der Politik wünschen?

CT: Deutschland befindet sich in puncto Förderung definitiv noch im Dornröschenschlaf. Gefühlt fehlt es in diesem Kontext häufig an Weitblick und Kreativität – das spiegelt sich auch in den widersprüchlichen Rahmenbedingungen wider. Es geht aus meiner Sicht um einen echten Neustart, den wir brauchen, um sprichwörtlich die Räder auf die Straße zu kriegen. Dann ist das Thema thermische Energiespeicherung eine Riesenchance, damit die Dekarbonisierung der kritischen 25 Prozent gelingt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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